Im Rahmen des 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, ist sowohl in Ludwigsburg als auch im Rems-Murr Kreis einiges passiert. Da wir die lokale Entwicklung dieses antifaschistischen Tages begrüßen, möchten wir sie an dieser Stelle gebündelt präsentieren.

Im Rems-Murr-Kreis fand am frühen Abend eine Kundgebung statt, bei der neben Reden der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der AntifaschistInnen und des Offenen Antifaschistischen Treffen Rems-Murr auch eine Rede von uns abgespielt wurde. Unsere Rede ließen wir den Veranstaltern der Kundgebung spontan zukommen. Neben einem Link des Berichts der GenossInnen des OATRM zu ihrer Kundgebung findet ihr unten die Langfassung unserer Rede.

In Ludwigsburg fand am selben Abend im Demokratischen Kulturzentrum (ADHK) eine Kulturveranstaltung statt, dort wurde der Film „Ich war neunzehn“ gezeigt. Außerdem erreichte uns eine Zusendung von gesprühten Parolen, die an einigen Bahnhöfen angebracht wurden.

Der 8. Mai ist nicht zuletzt für alle AntifaschistInnen ein bedeutender Tag, da durch den Sieg über den deutschen Faschismus diesem eine historische Niederlage bereitet wurde. Deshalb können antifaschistische Akteure gerade an diesem Tag durch die Entfaltung einer zeitgemäßen und selbstbestimmten antifaschistischen Gedenkkultur Lehren, Kraft und Selbstbewusstsein für die aktuellen Kämpfe ziehen.


Rede der Antifaschistischen Perspektive zum 8.Mai:

Genossinnen und Genossen, wir sind die Antifaschistische Perspektive Rems-Murr/Ludwigsburg. Wir verstehen uns als antifaschistische Gruppe, die der aktivistischen Basis beider Kreise Orientierung geben will, damit die lokale politische Arbeit nicht ins Leere läuft, sondern Fuß fassen kann in den Kämpfen unserer Zeit. Um den 8. Mai als zentrales Datum antifaschistischer Gedenkkultur zu würdigen und dementsprechend zu nutzen, haben wir den Veranstaltenden unsere Rede zukommen lassen. Weil die Repressionsbehörden der BRD organisierten Antifaschismus seit Jahrzehnten kriminalisieren, ist uns ein persönlicher Vortrag leider nicht möglich.

Um den 8. Mai 1945 befreiten die Alliierten Deutschland vom faschistischen Hitlerregime. Dieser Tag ist für praktisch alle, für Arbeiterinnen und Arbeiter, Frauen oder Gewerkschaftsmitglieder, bürgerliche Demokratieanhänger, aber auch für ChristInnen, geschlechtlich und sexuell Diverse, antiautoritäre Linke sowie Kommunistinnen und Kommunisten ein Tag der Freude. Gleichzeitig ist er uns ein Tag der Mahnung.

Denn unter faschistischer Herrschaft wurden auf deutschem Boden beispiellose Gräueltaten verrichtet und andere Länder in Angriffskriegen mit Terror überzogen. Sie brachte der jüdischstämmigen Bevölkerung die Shoa, den industriell ins Werk gesetzten Massenmord, anderen erklärten Gegnern, den Sinti und Roma, den Homosexuellen oder Personen mit Behinderung, Misshandlungen und noch mehr Morden.

Was uns AntifaschistInnen Mahnung ist, ist gleichzeitig der Auftrag, den es zu erfüllen gilt. Diese Erfüllung bedarf einer theoretisch basierten Organisierung aller antifaschistischen Kräfte und derer Entfaltung einer überzeugenden politischen Praxis.

Wer verkörpert die antifaschistische Kraft? Die größte antifaschistische Kraft, unser Ass im Ärmel kann nur die ArbeiterInnenklasse sein. Ihre institutionalisierte Einheit ist, was die Faschisten an der Macht zerschlagen. Wer gegen den Faschismus kämpft, kommt an der mehrwertschaffenden, also der relevantesten Klasse im kapitalistischen Wirtschaftsprozess nicht vorbei. Nur dann, wenn wir es schaffen, möglichst viele Arbeiterinnen und Arbeiter in die politische Arbeit gegen rechte Akteure miteinzubinden, wird eine antifaschistische Organisation Erfolg haben.

Zwar kann der Faschismus als Bewegung der revolutionären Rebellion rhetorisch und inszenatorisch Ausdruck verleihen. Doch in der Tat greift er die Organisationen der in Betrieben Angestellten an und setzt ein im Sinne der rückständigsten und brutalsten Kapitalisten stehendes Programm um. Faschismus bedeutet für Arbeiterinnen und Arbeiter also objektiv nichts als Unterdrückung, Ausbeutung und letztendlich den Kriegstod im Dienste okkult-fanatischer Kriegstreiber, die rassenideologisch aufgestachelte Marionetten der Konzerne und Bonzen abgeben.

Die grundlegenden Aufgaben antifaschistischer Politik kennen wir bereits: Wir müssen die Verführungsversuche der Faschisten entlarven und ihren reaktionären Charakter herausstellen. Faschisten sind beharrliche Lügner. Sie geben sich als Revolutionäre, sind aber unaufrichtige Knechte der Bonzen, sie sind Lumpen, die vom Establishment etwa als Streikbrecher angeheuert werden können. Die informative Zerschmetterung ihrer Ideologie ist notwendig, damit antifaschistische Inhalte eine breite Wirkung in den politisch teils zurecht enttäuschten Bevölkerungsmassen entfalten können.

Gleichzeitig müssen in ihren Sozialgefügen tolerierte Faschisten ausgegrenzt und aus den Organisationen unserer Klasse hinausgedrängt werden. Wer als Feind der ungeheuren Mehrheit handelt, hat nichts in ihrer Mitte beziehungsweise in ihren Organisationen verloren. Voraussetzung dabei ist, dass Antifaschistinnen und Antifaschisten ihr Szenewesen überwinden und bewusster Teil der breiten Gesellschaft werden. Eine antifaschistische Struktur muss die organisatorische Grundlage entsprechender Breite entwickeln und anbieten können.

Darüber hinaus gilt es, den Faschisten auf der Straße Niederlagen beizubringen. Straßenpräsenz stellt für alle politischen Akteure ein Mittel dar, den eigenen Einfluss und die Basis zu vergrößern. Deshalb gehören auch handfeste Auseinandersetzungen zu den legitimen Methoden des Antifaschismus. Man debattiert nicht mit Faschisten, sondern besiegt und bestraft sie. Gerade am 8. Mai, gerade vor dem Hintergrund der 55 Millionen Kriegstoten und der über 6 Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden, wird das deutlich.

Antifaschistinnen und Antifaschisten schützen die anderen linken Strukturen und Projekte. Der Schutz unserer MitstreiterInnen erscheint mit Blick auf die deutschen 30er Jahre gleichzeitig als Verteidigung bestimmter Kampfbedingungen gegen eine feindliche Umwälzung derselben beziehungsweise die heutige Rechtsentwicklung. Den besten Schutz vor faschistischer Hetze und der menschenverachtenden Politik dahinter bietet aber die vollkommene Zerschlagung jeder faschistischen Struktur. Diese Zerschlagung ist nur unabhängig von staatlichen Institutionen erfolgreich umsetzbar, denn die staatlich bestimmten Mittel gegen Faschisten erscheinen hinsichtlich der geheimdienstlichen Aufbauarbeit und Mitfinanzierung des NSU als Teil des Problems und nicht der Lösung.

Aktuell ist es vor allem die AfD, die am entschiedensten bekämpft werden muss. Ihre postneoliberale Politik verstärkt die Entsolidarisierung innerhalb der Bevölkerung und baut durch Angriffe auf die materielle Situation der Lohnabhängigen Hindernisse für deren Teilnahme im politischen Widerstand auf. Im Rems-Murr-Kreis tritt eine selbstsichere AfD mit den höchsten Kandidatenzahlen in ganz Württemberg zur Kommunalwahl an. Hier müssen sich besonders viele Menschen besonders deutlich wehren, Rassismus und Spaltung die Aussicht auf eine solidarische Gesellschaft entgegenstellen. Die antifaschistische Perspektive Ludwigsburg/Rems-Murr hat sich aus den genannten Gründen entschieden, eine umfassende Kampagne gegen die AfD zu initiieren, die beide Kreise betreffen wird.

Im Windschatten der AfD erstarken auch andere, teils radikaler rechte Kräfte, seien es die Gewerkschaftsfeinde vom „Zentrum Automobil“, deren Wortführer Oliver Hilburger in Althütte wohnt, oder die selbsternannten Autonomen Nationalisten Rems-Murr, die sich hauptsächlich hervortun durch widerwärtige Schmierereien wie [Zitat] „Antifamädchen vergewaltigen“ oder [Zitat] „Nigger jagen“. Auf die Aktivität der Terrorstruktur Ku-Klux Klan hat man im Rems-Murr-Kreis bereits im Rahmen einer aufsehenerregenden Aktion hingewiesen.

Aber auch bürgerliche Parteien, deren politisches Versagen die Bedingungen eines Erstarkens der AfD verschuldet, greifen die Forderungen der populistischen Rechten auf. Gerade die CDU/CSU, die sich noch in den 70er Jahren mit Worten wie [Zitat] „Niederlagen feiert man nicht“ gegen ein Gedenken am 8. Mai sträubte, hält das noch immer für ein probates Mittel politischer Schadensbegrenzung.

Die Rechten, wo immer sie auftauchen, können bekämpft werden. Sie können bekämpft werden durch Widerworte gegen rechte Hetze in Schulen oder am Arbeitsplatz, durch konkreten Gegenwind für rechte Funktionäre im Alltag, die Entsorgung rassistischer Propaganda, ansprechende Aktionen breit vernetzter Antifa-Strukturen oder die Teilnahme bei entschlossenen Protesten gegen Rechts. Nicht in der Spaltung in genehme und „extreme“ AntifaschistInnen, nicht durch nette Worten oder Diskussionen auf Augenhöhe kann das faschistische Lager zerschlagen werden, sondern durch den gemeinsamen Kampf von Arbeitern, Gewerkschaftern, Demokraten, Kommunisten und Frauen. Ihr gemeinsamer Kampf ist unsere antifaschistische Perspektive!

Die antifaschistische Perspektive bieten heißt: Die antifaschistische Aktion aufbauen!