Wir veröffentlichen im Folgenden unsere politische Einschätzung zu Querdenken im Rems-Murr-Kreis. Als Auseinandersetzung mit der Ideologie der diffusen Kleinbürgerbewegung legen wir euch den Text Die falschen Freunde der Freiheit von der Revolutionären Aktion Stuttgart ans Herz. Weiter findet ihr im Anhang an unsere Einschätzung einen interessanten Recherchebeitrag zu den Personen und Strukturen hinter der Bewegung.

Sozialer Hintergrund

Auch im Rems-Murr-Kreis ist Querdenken sehr kleinbürgerlich geprägt. Viele der Teilnehmer sind Gastronomen, Heilpraktiker, Yogalehrer, Ladenbesitzer o.ä.. Natürlich gibt es auch zahlreiche Esotheriker, Hippies und ausgewiesene Spinner unter ihnen. Einzelne Nazis und Kleingruppen tauchen ebenfalls immer wieder bei Demos auf.

Auch wenn lange nicht alle Teilnehmer dem Kleinbürgertum angehören (und es umgekehrt auch zahlreiche fortschrittliche KleinbürgerInnen gibt, die Querdenken ablehnen und sich am Protest dagegen beteiligen) liegt es nahe, dass der kleinbürgerliche Geist die Bewegung maßgeblich prägt. Denn auch wenn es viel berechtigten Unmut über die drakonischen Einschränkungen der Freiheitsrechte seitens der Regierung in der Bevölkerung gibt: Die absurden Antworten von Querdenken werden hauptsächlich von Leuten mitgetragen, die völlig losgelöst sind vom Klassencharakter dieser Krise.

Ihre Weltanschauung verkennt den Charakter des Staates, dessen Aufgabe es ist, den Profit der Kapitalisten (mancher mehr, mancher weniger) zu sichern. Der Gesundheitsschutz der Bevölkerung ist dabei höchstens Mittel zum Zweck, bei dem auch mal Abstriche gemacht werden können, wenn er dem Profit im Wege steht. In ihrem Weltbild gibt es jedoch keine Klassen mit einander entgegengesetzten Interessen, es gibt nur sie selbst und ihr nettes kleines Ladengeschäft gegen den bösen Rest der Welt.

Grassrootsbewegung von rechts?

Lange galt die Einschätzung, Querdenken sei ein Bündnis bzw. ein loser Zusammenschluss, der von organisierten Rechten unterwandert wird. Mittlerweile hat sich Querdenken jedoch zu einem eigenständigen rechten Akteur mit einer eigenen Struktur entwickelt. Diese Struktur macht sich bemerkbar durch einheitliche Aktionsformen (wie z.B. das einheitliche Auftreten in weißen Maleranzügen), durch eine gemeinsame Infrastruktur (wie z.b. das sog. Friedensboot, das sowohl auf der Großdemo von Querdenken Konstanz, als auch in Schorndorf zu sehen war), durch eine weiter steigenden Professionalisierung im Auftreten und eine überregionale Vernetzung. Sie ist in der Lage, einen festen Pool an Teilnehmern im Rems Murr-Kreis zu mobilisieren und organisiert auch Anfahrten zu bundesweiten Großevents.

Maleranzugaktion in Waiblingen
Das „Friedensboot“ bei der Großdemo von Querdenken in Konstanz am 04.10.2020
Das „Friedensboot“ wenig später in Schorndorf

Allerdings agiert die Orga-Struktur eher im Hintergrund und erhält so den Schein einer Grassroots-Organisation weiter aufrecht. So kommt es immer wieder vor, dass einzelne Sympathisanten zu Demos aufrufen, auf die dann 20 Leute gehen und ziellos durch die Stadt irren, weil sie scheinbar nicht begriffen haben, dass Querdenken längst keine hierarchiefreie Bewegung mehr ist, die sich lose über Telegram-Gruppen organisiert, sondern eine rechte Massenbewegung, die von einem professionell arbeitenden Orgateam geleitet wird.

Beteiligung der AFD

Das Wahlkampfteam der AFD hält sich von Querdenken fern. Das liegt insofern nahe, da sich deren Köpfe an der Bundespolitik orientieren. Jürgen Braun, MdB aus dem Rems-Murr-Kreis, gehört dem Meuthen-Flügel an, während die beiden Landtagskandidaten Stephan Schwarz und Daniel Lindenschmid sich zugunsten ihrer politischen Karriere vom Höcke-Flügel sowie von offenen Flügelkämpfen fernhalten. Bei der AfD auf Bundesebene ist das Thema Querdenken sehr umstritten. Die Beobachtung durch den Verfassungsschutz sollte dabei stark ins Gewicht fallen. Zwar versucht sich die AfD als Partei der Corona-Leugner und Maskenverweigerer zu präsentieren (so wurde beispielsweise eine gemeinsame Erklärung des Schorndorfer Stadtrats gegen Querdenken von der AfD-Fraktion nicht unterzeichnet), doch eine offene Zusammenarbeit mit Querdenken wird von den karriereorientierten Teilen der Partei gescheut.

Die ist womöglich auch gar nicht nötig. Denn mehrere Mitglieder des Ortsverbandes Schorndorf sind fester Teil von Querdenken und arbeiten kontinuierlich für die Bewegung im gesamten Rems-Murr-Kreis. So schafft die Rems-Murr-AfD einen Spagat zwischen Distanzierung und Zusammenarbeit: einerseits gibt es kein öffentliches Bekenntnis zu Querdenken, andererseits behalten sie einen Fuß in der Tür und sichern sich weiter ihren Einfluss auf die rechte Massenbewegung.

Denn inhaltliche Anknüpfungspunkte zwischen Querdenken und der AfD gibt es genug, nicht nur im Bezug auf die Corona-Pandemie. So werden auf Querdenken-Demos neben Desinformationsmaterial zu Covid-19 auch zahlreiche Sticker mit extrem Rechten Motiven verteilt, die sich auch gegen die antifaschistische Bewegung richten.

Ausblick

Es fällt aus, dass seit dem Verbot der großen Querdenken-Massendemos (v.a. durch die Stadt Waiblingen aber auch sonst im Kreis) eine Zersplitterung in viele kleinere, aber handlungsfähige Gruppen stattfindet. Querdenken ist in einem ständigen Prozess der Anpassung. Wir müssen also davon ausgehen, dass wir es mit einer handlungsfähigen Struktur zu tun haben, die sich ein Stückweit gegen staatliche Repression wehrt, und die vermutlich nicht aufhören wird Politik zu machen, wenn die Corona-Pandemie weitgehend unter Kontrolle gebracht ist.

Unsere Antwort

Wir sehen, dass „Querdenken“ seit Beginn wenig Interesse daran zeigt, greifbare Antworten auf reale gesellschaftliche Widersprüche zu geben, sondern voll und ganz auf öffentliche Präsenz und Selbstinszenierung setzt. Anstatt sich an den irrsinnigen Inhalten der Querdenker abzuarbeiten, sollten wir antworten, indem wir linke, klassenkämpferische Inhalte in die Öffentlichkeit tragen und so eine Antwort auf die Krise formulieren, die wirklich im Sinne aller Lohnabhängigen ist.

Auf dem Weg zu dieser Antwort werden wir auch klarstellen müssen, wem der öffentliche Raum gehört, nämlich nicht einem Haufen Q-Anon-Spinnern, Neonazis, Esoterikern und den reaktionären Teilen des Kleinbürgertums, sondern uns! Deshalb gilt es Ansätze zu entwickeln, die es uns auch unter Pandemie-Bedingungen erlauben handlungsfähig, ansprechbar und präsent zu bleiben. Bloße Online-Formate werden diesen Anspruch nicht erfüllen können. Wir müssen Querdenken die Straße streitig machen, ihre Strukturen weiter im Augen behalten und ihnen klar machen, dass ihr rechtes Engagement auch privat nicht ohne Folgen bleibt.

Es ist klar, dass wir diese Aufgaben nur angehen können wenn wir uns organisieren. Es braucht kontinuierliche Arbeit und klare inhaltliche Leitlinien um dieser neuen rechten Massenbewegung zu begegnen. Außerdem ist klar, dass wir Querdenken nicht im Rems-Murr-Kreis besiegen werden können. Das Problem ist ein bundesweites, deshalb darf auch die Gegenbewegung nicht an der Landkreisgrenze enden.

Unsere Perspektive heißt: Die Antifaschistische Aktion aufbauen!

Anhang: Recherchebeitrag zu den Corona-„Rebellen“ im Rems-Murr-Kreis

von Recherche rmk, Quelle: https://de.indymedia.org/node/131422

Im Folgenden Beitrag geht es um die Strukturen und Köpfe hinter der Querdenken-Bewegung im Rems-Murr-Kreis. In den Anfangszeiten von Querdenken & Co. im Frühjahr 2020 war eindeutig Stuttgart das Zentrum des Geschehens. Es gab zwar bereits zu Beginn den Versuch, die Dynamik aus der Landeshauptstadt aufzugreifen und in verschiedene Städte des Rems-Murr-Kreises zu tragen, doch der Erfolg hielt sich in Grenzen. Da waren z.B. die sogenannten Montagsspaziergänge in Waiblingen, die kaum mehr als 10-20 Teilnehmer anzogen. Auch in Winnenden gab es solche Spaziergänge. In Backnang bildete sich ebenfalls ein kleiner Kreis, der jedoch weitgehend ohne rechte Beteiligung und auch sonst eher unbedeutend blieb.

Thomas G. Hornauer

Den ersten erfolgreichen Schritt zur Etablierung von Querdenken im Rems-Murr-Kreis machte im Sommer schließlich Schorndorf, zunächst unter Leitung des Plüderhausener Päderasten Thomas G. Hornauer. Später trennte sich Hornauer vom Schorndorfer Orga-Team, das in Kontakt zu den Waiblinger Montagsspaziergängern trat. Zur selben Zeit begann man auch in Murrhardt mit regelmäßig stattfindenden Corona-Kundgebungen. In diesen drei Städten haben sich Ortsgruppen gebildet, die regelmäßig Demonstrationen mit knapp 400-500 Teilnehmern abhalten und auch Aktionen in ihrer Umgebung durchführen. Spätestens seit Herbst 2020 ist der Rems-Murr-Kreis damit ein Querdenken-Hotspot geworden.

Querdenken-Ortsgruppen

Schorndorf

In Schorndorf fanden die bisher größten Querdenken-Events mit bis zu 500 Menschen statt. Hier sind auch Rechte wie die AfDler Rainer Nemeth, wohnhaft in der Weinbergstraße 49 in Schorndorf-Schornbach, und Monika Fandt von Anfang an fest in den Orga-Strukturen verankert. Auf den Schorndorfer Querdenken-Demos sind meist weitere AfDler anwesend, wie z.B. der Stadtrat Franz Laslo.

AfD-Stadtrat Franz Laslo

Abgesehen von ihnen sind jedoch die wenigsten Mitglieder des Orga-Teams tatsächlich aus Schorndorf. Trotz ihres Namens kommen sie hauptsächlich aus dem Kreis Esslingen, genauer gesagt aus Wendlingen. Dort sind ihre führenden Köpfe beheimatet. Querdenken Schorndorf ist darum auch in Kirchheim, Nürtingen und Esslingen aktiv.

Claudia Müller

Claudia Müller, betreibt den Traumbuchverlag und einen Laden namens Bio-Baby-Welt. Sie wohnt in der Heinrich-Otto-Str. 16/1 in 73240 Wendlingen. Sie instrumentalisiert ihren Sohn, den sie auf Querdenken-Demos in verschiedenen Städten auf der Bühne auftreten lässt.

Reinhard Müller

Reinhard Müller ist Teil der Mittelalterband Schnarrensack. Er wohnt in der Kirchheimer Straße 53 in 73240 Wendlingen. Wie viele Kleinbürger, die die Querdenken-Bewegung prägen, geht es ihm vor allem um sein Geschäft. Außerdem vermisst er offensichtlich die Aufmerksamkeit auf der Bühne.

Zugwagen in Schorndorf

Der Zugwagen auf den Schorndorfer Demos wird gestellt von Björn Schmidt Garten- und Landschaftsbau GmbH, Heinrich-Otto-Str. 16 in 73240 Wendlingen.

Waiblingen

Auch die Waiblinger Montagsdemos haben sich mit zeitweise 400-500 Teilnehmern zu einem der wichtigsten Querdenken-Events im Kreis entwickelt. Hauptverantwortliche ist Miriam Lorenz, wohnhaft in Stetten, Kernen i.R., wo sich auch ihre Arbeitsstelle befindet (Jeggle Architekten und Partner).

Miriam Lorenz

Der Waiblinger Ableger ist sehr darauf bedacht, sich nach außen von Querdenken abzugrenzen. Vermutlich haben sie schon vorher gerochen, was irgendwann kommen musste: die Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Viel mehr als Kosmetik steckt jedoch nicht dahinter. Es ist der selbe Pool an Demonstranten, der in jede Stadt fährt und per Telegram vernetzt ist, es ist die selbe Art Veranstaltung mit dem selben Inhalt. Die Führungspersonen unterstützen sich gegenseitig bei ihren Demos in den verschiedenen Städten. Waiblingen ist damit effektiv genauso in das Querdenken-Netzwerk eingebunden wie die anderen Ortsgruppen auch.

Telegram-Nachrichten von Miriam Lorenz

Murrhardt

Auch hier fanden Kundgebungen mit 400-500 Teilnehmern statt. Organisatorin ist laut Impressum der Website vom Querdenken Murrhardt Petra Wieczorek, wohnhaft in der Robert-Franck-Str. 24 in 71540 Murrhardt. Auch der Reichsbürger aus Althütte Stefan Bergmann stand hier regelmäßig auf und hinter der Bühne. Mit ihm zog es auch auch Prominenz aus dem gesamten Bundesgebiet nach Murrhardt. Außerdem nahmen auch Oliver Hilburger und Christian Schickard, Mitglieder der rechten Anti-Gewerkschaft Zentrum Automobil, an den Kundgebungen in Murrhardt teil.

Stefan Bergmann
Oliver Hilburger
Christian Schickard

Sonstige Gruppen und Einzelpersonen

Stefan Schmidt

Der Alfdorfer Gastronom und Betreiber der Gaststätte „Seehof am Leinecksee“ (Poppenholz 1, 73553 Alfdorf) ist eine zentrale Figur bei Querdenken im Rems-Murr-Kreis. Er hat seine Gaststätte, in der er seine Angestellten zwang ohne Maske zu arbeiten, u.a. für Vernetzungstreffen und Vorträge zur Verfügung gestellt.

Stefan Schmidt

Er organisiert auch selber Demos, u.a. in seinem Wohnort sowie in Welzheim. Die laufen mal mehr, mal weniger gut. Für eine eigene Ortsgruppe reicht es ihm offenbar nicht. Dafür ist er umso motivierter bei anderen Demos mit dabei, wie z.B. in Waiblingen beim Angriff auf antifaschistische GegendemonstrantInnen.

Stefan Schmidt greift antifaschistische GegendemonstrantInnen an

Youtuber

Die Videoberichterstattung ist für Querdenken von zentraler Bedeutung, jede Demo in Deutschland wird begleitet von unzähligen Live-Streamern und Youtubern. Manche von ihnen kommen aus dem Rems-Murr-Kreis, wie z.B. Markus Huck und Rainer Steer. Sie halten die Arbeit von Querdenken vor Ort fest und werben so zahlreiche neue Mitglieder, beteiligen sich aber auch an Großdemos im gesamten Bundesgebiet. Auch Stephan Schmitz (aka. Stephan Live) aus Oberkochen nimmt immer wieder an Querdenken-Demos im Rems-Murr-Kreis teil.

Markus Huck

Die rechten Youtuber sind nicht nur für die mediale Präsentation von Querdenken, sondern auch für die Anti-Antifa-Arbeit von Bedeutung und tragen damit maßgeblich zum Profil einer rechten Massenbewegung bei.

AFD

Eine kontinuierliche Beteiligung der AfD ist nur von Seiten des OV Schorndorf zu erkennen. Rainer Nemeth und Monika Fandt sind feste Teile des Schorndorfer Orga-Teams und bei jeder größeren Demo im Rems-Murr-Kreis mit dabei. Auch in Backnang nahmen einige AfDler um den Stadtrat Steffen Degler an einer Corona-Demo teil. Anlass dafür war wohl, dass Degler kurz vorher einen kleinen Eklat im Stadtrat provoziert hatte, weil er sich bei einer Sitzung geweigert hatte eine Maske zu tragen.

Rainer Nemeth beim filmen der Bühne in Murrhardt
Rainer Nemeth als Teilnehmer in Waiblingen
Monika Fandt
Steffen Degler

Ausblick

Seit dem Verbot von Demos durch die Stadt Waiblingen über die Weihnachtszeit (auch hier gab es einzelne Versuche von unangemeldeten, aber öffentlich angekündigten Demos, die aber allesamt scheiterten) ist zudem eine Gruppe von 15-20 Querdenkern um Stefan Schmidt dazu übergegangen, unangemeldete Blitzkundgebungen in Waiblingen abzuhalten. Weiter hat sich auch im Rems-Murr-Kreis ein Ableger einer bundesweiten Gruppe namens D-Day 2.0 um den bisher eher unbekannten Markus Lowien gegründet, die militante Aktionen wie Autobahnblockaden planen.

Stefan Schmidt bei einer unangemeldeten Blitzkundgebung