Anlässlich des 81. Jahrestags der bundesweiten Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung fanden in ganz Deutschland Gedenkveranstaltungen statt, so auch in Ludwigsburg und im Rems-Murr-Kreis. Uns als antifaschistischer Gruppe war es wichtig bei beiden Gedenkkundgebungen präsent zu sein und unsere Inhalte bekannt zu machen.

In Ludwigsburg fanden sich bis zu 40 Menschen auf Einladung des Ludwigsburg gegen Rechts Bündnisses zusammen. Zuerst ging es vom Synagogenplatz aus durch die Innenstadt, wo verschiedenen Stolpersteine aufgesucht wurden und den Schicksalen der Ermordeten gedacht wurde. Danach versammelte man sich noch zu einer Kundgebung auf dem Marktplatz bei der die politische Einordnung des Tages erfolgte.
In Welzheim organisierte das Offene Antifaschistische Treffen Rems-Murr eine Gedenkkundgebung vor dem ehemaligen Konzentrationslager. Gut 30 Menschen hörten verschiedenen Reden zu und gingen im Anschluss an die Kundgebung auf den Welzheimer Friedhof, wo Blumen am Mahnmal für die im KZ ermordeten niedergelegt wurden.

Wir als Antifaschistischer Perspektive Ludwigsburg / Rems-Murr halten es für falsch, an Tagen wie dem 09.November in Zurückhaltung zu verfallen, stattdessen gilt es gerade an solchen historischen Tagen klar zu machen, dass nur konkrete Aktionen gegen Rechte und der Kampf gegen das System, das sie hervorbringt, Gefahren wie antisemitischen Terror langfristig unterbinden werden. Deshalb waren wir sowohl in Ludwigsburg als auch in Welzheim mit einem Hochtransparent, einem Flugblatt und einem Grußwort auf der jeweiligen Kundgebung präsent.

Inhaltlich ging es in unseren Beiträgen um das faschistische Ideologieelement des Antisemitismus. Spätestens seit dem Nazi-Anschlag auf eine Synagoge in Halle ist wieder vielen bewusst geworden, welche Gefahr von Rechten für Jüdinnen und Juden ausgeht. Lange Zeit wurde sich, gerade innerhalb der radikalen Linken, intensiv mit dem Themenfeld Antisemitismus auseinandergesetzt. Dieser wurde mal innerhalb der eigenen Reihen ausgemacht, mal in nationalen Befreiungsbewegungen und vor allem in den Köpfen der deutschen Mehrheitsbevölkerung. Natürlich ist Antisemitismus auch über Faschistenkreise hinaus verbreitet und natürlich muss antisemitischen Weltverschwörungslügen auch am Arbeitsplatz und am heimischen Küchentisch klar widersprochen werden. Ein Teil der Bekämpfung der spalterischen und gegen unsere Klasse gerichtete Wirkung des Antisemitismus wird die mühsame und präzise Aufklärungsarbeit sein, gerade wenn es darum geht, Verschwörungsideologien zu entlarven. Doch das wird selbstverständlich nicht reichen. Denn wenn wir den Antisemitismus wirklich zurückdrängen wollen, werden uns weder innerlinke Anschuldigungen noch intellektuelle Artikelschreiberei weit bringen. Unsere zentrale Aufgabe bleibt weiterhin die konkrete antifaschistische Aktion, also das angehen antisemitischer Akteure. Egal ob sie sich bei der AfD oder irgendeiner obskuren Nazi-Clique organisieren: Sie sind es, die eine Gefahr für das Leben von Jüdinnen und Juden darstellen. Sie sind es, die, wenn sie nicht selbst die Waffe halten, zumindest die Ziele für andere Fanatiker markieren.

Mit unserem Flugblatt möchten wir vor allem eine Einordnung des Antisemitismus leisten und so antifaschistischen Kräften in unserem Umfeld nahelegen, den Kampf gegen Antisemitismus nicht in erster Linie als ideologischen, sondern als praktischen Kampf zu begreifen. Des weiteren wollen wir klar stellen, dass die Arbeit gegen Verschwörungswahn und antisemitische Hetze nicht Aufgabe pseudolinker „Antideutscher“ seien kann und darf. Nur wenn die Teile der Linken, die an einem Verhältnis zur ArbeiterInnenklasse in unserem Land interessiert sind, den Kampf gegen Antisemiten aufnehmen, wird dieser erfolgreich verlaufen. Wer den Klassencharakter des Antisemitismus nicht versteht, wird ihn auch niemals beseitigen.

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Unser Flugblatt zum Tag:

 Antisemiten angreifen!

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

im Zuge der bundesweiten Rechtsentwicklung, die vor allem im Erstarken der AfD sichtbar wird, gewinnt ein bestimmtes Element faschistischer Ideologie wieder an Bedeutung. Es war nie ganz verschwunden, kehrt zur Zeit allerdings mit einer Brutalität zurück, die viele zurecht erschreckt. Es geht um die Ideologie des Antisemitismus, die zum rechten Rand genauso gehört wie der Nationalismus oder Elitedenken. Doch was hat es mit dem Antisemitismus auf sich?

Faschisten erkären die Welt…

In der Geschichte Europas und Deutschlands wurde jüdischen Menschen sowohl ihr Reichtum vorgeworfen als auch, dass sie auf Staatskosten lebten. Einerseits galten sie ihren Feinden als zu revolutionär, andererseits als verbürgerlicht. Mal hieß es, sie seien getarnt, mal fielen sie zu sehr auf. Einmal stellten sie eine Gefahr für das System dar, ein anderes Mal dessen Verkörperung. So absurd und so widersprüchlich diese Anschuldigungen auch klingen mögen: Sie erfüllen alle eine gewisse Funktion. Denn die Widersprüche, die das kapitalistische Wirtschaftssystem zwangsläufig erzeugt, werden dadurch scheinbar(!) gelöst, auf reaktionärste Art. JüdInnen werden als Schuldige für alles erdenklich Schlechte in der Welt ausgemacht; als heimtückische Strippenzieher im Hintergrund, mit dem großen Plan, Nationen gezielt zu zerstören. Das Perfide ist wie bei jeder faschistischen Lüge, dass solchen Erzählungen, obwohl sie größtenteils auf mittelalterlichen Sagen und Fantasien beruhen, immer gesellschaftliche Realitäten als Grundlage dienen. Beispielsweise sind die Machenschaften international agierender Großbanken tatsächlich durch und durch verbrecherisch, doch steckt dahinter eben kein jüdischer Geheimzirkel, sondern schlicht Großbanken wie Goldman Sachs selbst sowie die mit ihnen aufs engste verbundenen Politiker.

Blitzableiter der herrschenden Klasse

Antisemitismus ist also weit mehr als ein Vorurteil oder die Abneigung gegenüber Menschen jüdischen Glaubens. Wir haben es dabei vielmehr mit einem geschlossenen Weltbild zu tun, das ideologisch verblendete Leute zu nahezu jeder Schandtat befähigt. Die antisemitische Demagogie, also rednerische Volksverführung, erfüllt eine perfide Doppelfunktion:

Fortschrittlichen Bewegungen, die sich in einer Auseinandersetzung mit Ausbeutern und Unterdrückern befinden, wird von faschistischen Scharfmachern zuerst weiß gemacht, ihren eigenen AnführerInnen ginge es gar nicht aufrichtig um die politische Sache. Der Klassenkampf etwa sei die Idee der Juden, um das nationale Vorankommen zu schwächen und Chaos im Vaterland zu stiften. Man dürfe diesen Juden und ihren marxistischen Ideen nicht trauen.
Und auch wenn hier und da etwas an den revolutionären Ausführungen über die Untaten der Ausbeuter dran sei, vergesse man, dass die Kapitalisten ja immer gezwungen waren, solche Methoden anzuwenden, solange die jüdische Konkurrenz ihnen keine Wahl ließ. Die heimischen Kapitalisten seien ja ernsthaft um das Wohl ihrer ArbeiterInnen besorgt, nur müsse man erst den jüdischen Feind mit vereinten Kräften unschädlich machen, um deutschen ArbeiterInnen auf politischer Ebene zu einem eigenen Ausdruck verhelfen zu können.

Wer steht dahinter?

Ein Blick in die Geschichte macht deutlich, wer ein Interesse an der Verbreitung antisemitischen Gedankenguts hat: Früher war es der russische Adel, der als Antwort auf eine revolutionäre Bewegung Pogrome gegen Juden organisieren ließ und das antisemitische Pamphlet „Protokolle der Weisen von Zion“ verbreitete. Weltweite Aufmerksamkeit bekam dieses Machwerk durch den amerikanischen Automobilmagnaten Henry Ford, der als Ikone des US-Kapitalismus gilt. Dann waren es deutsche Kapitalisten, vor allem aus der Kriegswaffen-, Chemie- und Eisenbranche, die die NSDAP gegen Sozialdemokraten und Kommunisten aufbauten und sich direkt am schlimmsten Verbrechen gegen das jüdische Volk, der Shoa, beteiligten. Der Klassenwiderspruch, der unsere Gesellschaft grundlegend bestimmt, wird einem scheinbaren Widerspruch zwischen dem nichtjüdischen Volk und einer imaginierten jüdischen Elite untergeordnet.

AfD? Antisemitenpack!

Heutzutage ist es vor allem die AfD, in der Antisemiten Einfluss gewinnen und höhere Positionen erlangen können. Diese Partei spielt sich immer wieder als Zusammenschluss von „Judenfreunden“ auf, obwohl ihr angeblicher Kampf gegen den Antisemitismus nur als neues Mittel dient, um gegen Muslime zu hetzen. Wer insbesondere den Reden ostdeutscher Vertreter dieser Partei lauscht, hört wieder und wieder im Wortlaut übernommene Äußerungen aus der NS-Zeit und mehr oder weniger vage Andeutungen darüber, wer denn hinter dem „Bevölkerungsaustausch“ stehe. Wenn Höcke, Gauland, Weidel und Co. „Globalisten“ sagen, wissen ihre Anhänger genau, wer damit gemeint ist. Und etliche weniger bekannte Politiker dieser Hetzpartei lassen ihrem Antisemitismus freien Lauf, vor allem in sozialen Netzwerken. Parteiinterne Konsequenzen müssen sie in der Regel nicht erwarten.

Kein importiertes Problem

Eine Lüge, die von der AfD mit Vorliebe verbreitet wird, ist, dass der Antisemitismus in Deutschland ein importiertes Problem sei. Und das in einem Land, in dem das jüdische Volk aufs Schlimmste angegriffen wurde, in dem einst dessen Vernichtung geplant wurde! Auch ein Blick in die Forschung zeigt, dass fast 90% der antisemitischen Gewalt- und Straftaten einen rechten Hintergrund haben. Nicht syrische Geflüchtete oder die palästinensische Befreiungsbewegung plant die Mordanschläge auf Juden in Deutschland, sondern deutsche Faschisten. Der Antisemitismus gehört also zur deutschen Rechten wie Pech zu Schwefel.

Die Gefahr wächst…

Faschistische Angriffe auf Synagogen, antisemitische Beleidigungen auf deutschen Schulhöfen oder das brandgefährliche Spiel mit der Relativierung des Holocausts durch Politiker rechter Parteien zeigen: Antisemitismus ist auch heute integraler Bestandteil faschistischen Denkens und für rechte Bewegungen weiterhin ein wichtiges, gegen unsere Klasse gerichtetes Spaltungsinstrument. Ob rechtsesoterische Verblödungsvideos, die JüdInnen nicht immer pauschal angreifen müssen, sondern in irgendeiner jüdischen Familie eine verschwörerische Elite ausgemacht haben wollen, oder plump antisemitische Karikaturen: Das sind Angriffe, die für alle JüdInnen und nachfolgend für die sie unterstützenden fortschrittliche Kräfte zur konkreten Gefahr werden können.

Mund aufmachen und aktiv werden!

Für uns ist klar, dass antisemitischem Unsinn, egal in welcher Form, in der Schule oder im Betrieb entschlossen widersprochen werden muss. Gerade die enorm verbreiteten verschwörungsideologischen Welterklärungsansätze können mit klarem Kopf und entsprechender Faktenkenntnis leicht als das entlarvt werden, was sie sind: Lügen. Den Antisemitismus können wir jedoch nicht durch Aufklärungsarbeit und nette Gespräche allein auf den Müllhaufen der Geschichte verbannen. Wenn sich Antisemiten organisieren und in Aktion treten, ist es notwendig, sie die Konsequenzen ihrer menschenverachtenden Hetze ganz direkt spüren zu lassen.

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch.“

– Bertolt Brecht

Deshalb: Antisemiten angreifen – klassenbewusster Antifaschismus statt faschistischer Ideologie!