Seit Beginn der Querdenken-Bewegung haben wir uns als Antifaschistische Perspektive mit diesem Phänomen auseinandergesetzt und gemeinsam mit unseren Bündnisspartner:innen verschiedene praktische Ansätze ausprobiert. Im folgenden wollen wir unsere Erfahrungen auswerten und Schlüsse für die Zukunft ziehen.

Seit unserem letzten Beitrag zu dem Thema hat sich bei Querdenken einiges getan. Nach ihrer Hochphase im Winter haben sich ab Frühjahr kleinere lokale Akteure gebildet. Eine Gruppe um den Alfdorfer Gastronom Stefan Schmidt z.B. reagierte auf die ersten Demoverbote, indem sie Blitzkundgebungen organisierte, in denen sie gezielt den Konflikt mit dem Ordnungsamt suchte. Diese Aktionen haben jedoch weitgehend nachgelassen. Zwar gab es im Frühjahr noch vereinzelt Großdemonstrationen mit mehreren hundert Teilnehmern in Schorndorf, die Bewegung als Ganzes konnte jedoch nicht mehr an ihre alte Größe anknüpfen. Innere Streitigkeiten haben die Querdenker weiter geschwächt, nicht zuletzt, da diese oft öffentlich ausgetragen wurden. Weitere Gruppen haben sich im Zuge der Landtagswahlen auf ihren Wahlkampf konzentriert. Dabei konnten sie zwar kleinere Aktionen durchführen, wie z.B. mit einem Werbetruck durch die Innestädte touren oder die Region mit ihren Wahlplakten beschmutzen. Viele Menschen für ihre Aktionen mobilisieren oder nachhaltige Strukturen aufbauen gelang den Querdenken-Parteien jedoch nicht, sie sind stattdessen voll und ganz im Stimmenzirkus aufgegangen. Soll uns recht sein.

Auch die Praxis gegen Querdenken hat sich seit vergangenem Winter geändert. Anfangs wurden noch direkte Proteste und Kundgebungen organisiert. Das war wichtig um ein klares Zeichen zu setzen, dass Querdenken bei uns nicht erwünscht ist, und um den berechtigen Unmut der Bevölkerung über die kruden und rechtsoffenen Massenaufmärsche Ausdruck zu verleihen. Doch auf Dauer wäre das die falsche Herangehensweise gewesen. Dafür sind AktivistInnen dazu übergegangen, Propaganda zu verbreiten, um Querdenken nicht das Stadtbild zu überlassen. Diese Aktionen haben auch den Weg in AfD-Pressemeldungen gefunden.

Außerdem hat es uns immer wieder gefreut von kleinen Aktionen zu lesen, die motivierte Leute durchgeführt haben.

Es war sinnvoll, dass ein Wechsel der Protestformen stattgefunden hat. Dabei wurde sich der offene Larifari-Charakter von Querdenken – der sowohl ihre Stärke als auch Schwäche ist – zunutze gemacht. Und auch wenn sich das direkte Entgegentreten hier regional als schwierig herausgestellt hat, haben Proteste in Stuttgart im Rahmen der Kampagne „Antifascist Action“ Erfolge auf der Straße erzielen können.

Jetzt machen die Corona-Rebellen im Rems-Murr-Kreis kleine symbolische Aktionen, mobilisieren auf Großaufmärsche im Bundesgebiet, verzetteln sich in ihrem Kleinstparteien-Wahlkampf oder machen sich – wie Stefan Schmidt – dazu auf, der nächste Thomas Hornauer zu werden, der zu jeder Bürgermeisterwahl antritt bei der man ihn reden lässt. Manche suchen auch abseits der Corona-Demos die Nähe zu Neonazis, wie der Youtuber Markus Huck.

Wie weiter?

Mittlerweile hat die Dynamik der regionalen Auswüchse der Querdenken Bewegung ihren Höhepunkt überschritten, jedoch bedeutet das noch lange nicht, dass keine Gefahr mehr von diesem Spektrum ausgeht.

Einerseits bringt das Phänomen Verschwörungsmythen eine Sogwirkung mit sich, auf denen einige hängen bleiben, andererseits scheinen auch einige Akteure ihre Berufung in der vermeintlichen „Rebellion“ gefunden zu haben.

Gefährliche Großveranstaltungen…

Anstelle der lokalen Aktivität im Rems-Murr-Kreis sind wieder Großveranstaltungen getreten, auf die mobilisiert wird. Während die lokalen Veranstaltungen sich gegenüber Staat und Presse noch recht moderat verhalten haben, zeigt die Bewegung sich, sobald sie mit gebündelten Kräften auf der Straße ist, von ihrer wahren Seite: während mit der Stuttgarter Polizei abgekumpelt wurde, gab es für Pressevertreter Steine aus dem Gleisbett und Schläge.

Zum Stichwort Rechtsoffenheit und Hooliganbeteiligung sei an dieser Stelle auf einen der Antifaschistischen Aktion (Aufbau) Stuttgart zugesandten Rechercheartikel verweisen.

…schwache Akteure und die allgemeine Verwirrung

Da sich die Querdenker nun in einer Phase der Desorganisation befinden, mit Problemen wie Demoverboten konfrontiert sehen, vom Verfassungsschutz beobachtet werden und die voranschreitende Impfkampagne mitsamt ausstehenden Lockerungen es als unwahrscheinlich erscheinen lässt, dass weitere Teile des lokalen Kleinbürgertums sich der reaktionären Bewegung anschließen, öffnen sich für uns nun neue Handlungsspielräume.

Wir stehen momentan nicht mehr vor dem Problem den Schwurbleraufmärschen mit Reaktionen kaum hinter her zu kommen, sondern können in die Offensive gehen. Die internen Spaltungslinien der Bewegung sind tiefer geworden und die Bewegung ist gesellschaftlich stark isoliert. Aus dieser Isolation heraus kann jedoch schnell eine Vernachlässigung unsererseits entstehen. Das wäre fatal, denn das Potential, dass die Querdenker bündeln konnten exisitiert weiterhin. Anthroposophen, fundamentalistische Christen oder auch Rechte bzw. Nazis gibt es im Rems-Murr-Kreis leider zu Hauf.

Jetzt erst recht!

Im Gegensatz zu reaktionären Spinnern haben wir den Anspruch, den Kampf konstant zu führen, mehr als nur ein Strohfeuer zu sein! Wir haben im letzten Jahr feststellen müssen, dass einige ideologisierte Wirrköpfe sehr schnell große Menschenmengen mit reaktionären Parolen auf die Straße bringen können, wenn die politische Großwetterlage es zulässt. Deshalb wäre es falsch, die momentane Schwäche einer unberechenbaren Bewegung nicht zu nutzen. Es wäre ein Fehler, jetzt nicht nach zu treten, jetzt nicht zu zeigen, dass es Konsequenzen hat, wenn man eine reaktionäre Massenbewegung aus dem Boden stampft und mitträgt!

Antifa und Klassenkampf statt Nazipack und Massenwahn

Die Arbeit gegen eine Bewegung mit derart diffus-hirnverbrannten und doch erzreaktionären Inhalten, sowie unter für uns ungewohnten Kampfbedingungen, hat uns vor einige Herausforderungen gestellt. Vom jetzigen Standpunkt aus resümierend, wollen wir bei all den Strapazen jedoch feststellen, dass das alles doch auch seine erfrischenden Seiten hat:

Querdenken als politischer Gegner stellt auch ein Experimentierfeld für uns dar, so haben sich z.B. Fahrräder bei zahlenmäßiger Unterlegenheit in städtischen Gebieten als bewährtes Mittel herausgestellt. Auch hat sich gezeigt, dass wir unsere üblichen Blockadekonzepte den Bedingungen der Unterzahl anpassen können, ohne ganz auf sie zu verzichten zu müssen!

Außerdem hat Querdenken uns als Linke Bewegung unter Druck gesetzt, selbst politische Antworten auf die widersprüchliche Pandemie Politik der Regierung zu finden. Das reaktionär politisierte Kleinbürgertum in der Querfront mit organisierten Faschisten als politischer Gegner hat zur Schärfung der eigenen Linie beitragen.

Um dieser Bewegung den Nährboden langfristig zu entziehen benötigt es eine breite Bewegung mit Krisenantworten von links, die den Ursprung solcher Krisen angreift. Unser Beitrag auf lokaler Ebene besteht nun darin die scheinbare Ruhe zu nutzen um in die Offensive zu gehen, die Akteure ins Licht der Öffentlichkeit zu zerren, im Auge zu behalten und selbstbestimmt den politischen Kampf gegen diesen Auswuchs der Krise zu führen.

Nazis aus der Deckung holen!

Für mehr Antifacist Action!

Klassenkampf statt Querdenken!