Über 5000 Menschen beteiligten sich am dritten Septemberwochenende an einer Großdemonstration in Leipzig, welche in Solidarität mit unterschiedlichen von Repression betroffenen Antifaschist:innen stattfand. Anlass war die Prozesseröffnung gegen die Antifaschistin Lina sowie drei weitere Genossen. Ihnen wird wegen dem Vorwurf, militante Angriffe auf Nazis organisiert und durchgeführt zu haben, seit Anfang September in Dresden der Prozess gemacht.

In mehreren Blöcken und mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen zog die Demonstration unter dem Motto „Wir sind alle LinX“ von der Leipziger Innenstadt in den Stadtteil Connewitz. Alle Redner:innen betonten ihre Solidarität mit den angeklagten Antifaschist:innen und wiesen die staatliche Repression gegen die antifaschistische Bewegung entschieden zurück. Auch die Solidarität mit den im Stuttgarter „Wasen-Verfahren“ angeklagten Jo und Dy und der Fall des in Haft sitzende Antifaschisten Findus war allgegenwärtig.
Während der Demonstration kam es zu mehreren Angriffen auf die zentral gelegene Dimitroff-Wache, die Abschlusskundgebung mündete in längeren Auseinandersetzungen mit den eingesetzten Polizeikräften.

Aus unterschiedlichen Städten im Süden haben wir gemeinsam nach Leipzig mobilisiert, uns dort am „Revolutionären Block“ beteiligt und einen Redebeitrag beigesteuert. Wir erachten die Mobilisierung als wichtigen Schritt in die richtige Richtung und vor allem als starkes Zeichen hinter die Knastmauern: Ihr seid nicht alleine, wir stehen hinter euch!

Umso schlechter sind die Distanzierungen im Anschluss – auch und gerade von Teilen der Demo-Organisator:innen – die den politischen Wert der Demo stark schmälern. Ging es doch darum zu zeigen, dass die antifaschistische Bewegung divers, und der Kampf vielschichtig ist und sich nicht in einen „guten“und „bösen“ Teil spalten lässt.

Für uns bleibt die politische Verteidigung militanter antifaschistischer Praxis genauso wesentlich, wie der Aufbau einer breiten, gesellschaftlich wirkmächtigen antifaschistischen Bewegung. In Anbetracht der gesellschaftlichen Lage und dem Erstarken rechter und faschistischer Kräfte, ist beides folgerichtig und eine notwendige Form des aktiven Selbstschutzes.

Anbei die Rede, die wir gemeinsam mit sieben weiteren Antifa-Gruppen gehalten haben:

Liebe Genossinnen und Genossen,

ich spreche heute hier, stellvertretend für acht Antifa-Gruppen aus Süddeutschland.

Nächste Woche ist Bundestagswahl und der Wahlkampf der Parteien läuft auf Hochtouren – auch der Wahlkampf der rechten und faschistischen Parteien. Überall sind wir mit rechter Propaganda konfrontiert – seien es Plakate, Infostände, Saalveranstaltungen oder Kundgebungen – für uns Antifas gibt es gerade genug zu tun – mehr als wir vielerorts stemmen können. Und trotzdem haben wir uns heute dafür entschieden, hierhin nach Leipzig zu kommen und gemeinsam mit Euch auf die Straße zu gehen.

Wir sind hier, um uns solidarisch zu zeigen mit Lina und den anderen Angeklagten im Antifa Ost-Verfahren! Wir sind hier um einen – angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse bitter notwendigen – militanten Antifaschismus politisch offensiv zu verteidigen! Und wir sind hier weil wir glauben, dass wir mit solchen Demos nicht nur den Repressionsbehörden mit ihrer Überwachung und Kriminalisierung und ihren Einschüchterungsversuchen eine klare Absage erteilen können, sondern weil wir hier, wenn wir als antifaschistische Bewegung Stärke und Geschlossenheit demonstrieren, auch tatsächlich an Stärke gewinnen und wachsen können!

Denn wenn wir angesichts von faschistischen Übergriffen – angesichts der immer weiter voranschreitenden gesellschaftlichen Rechtsentwicklung im Zuge der kapitalistischen Krise – eins brauchen, dann ist das nicht weniger sondern mehr Antifaschismus!

Dieses „Mehr“ an Antifa, bedeutet für uns nicht einfach mehr Menschen, mit einer antifaschistischen Haltung, mehr Menschen, die auch Mal einen Samstag Nachmittag in eine Kundgebung gegen Rechts investieren. „Mehr Antifa“ – das muss vor allen Dingen auch heißen: Mehr Organisierung!

Nachhaltige, echte Schlagkraft können wir nur entfalten, wenn wir uns zusammen schließen und Strukturen schaffen, die diesen Kampf organisieren!

Wir brauchen Strukturen, die eine Öffentlichkeitsarbeit entwickeln. Die Angebote für niederschwellige Arbeit gegen Nazis schaffen und Menschen aktivieren, die ebenfalls keinen Bock auf Nazis haben. Strukturen, die bündnisfähig sind und andere gesellschaftliche Kräfte, die kein objektives Interesse an Faschismus oder einer Zuspitzung der Verhältnisse haben, in den antifaschistischen Kampf einbeziehen. Langfristige, ernsthafte Strukturen, die auch über Aktivist:innen-Generationen hinweg Erfahrungen weitergeben und weiter entwickeln können. Und wir brauchen überregionale Strukturen – und damit meinen wir nicht lose Vernetzungen! –, denn auch der Feind koordiniert und organisiert sich überregional!

Doch Organisierung ist noch viel mehr als das – mehr als die aktionistische Kleingruppe, die zuschlägt, wenn es notwendig ist – mehr als der Lesezirkel, der lange Texte und tiefgehende Analysen schreibt. Organisierung – das ist mehr als die Summe der einzelnen Teile.

Erst durch Organisierung können wir ein Kollektiv, einen Faktor schaffen, der Theorie und Praxis in ein Verhältnis zueinander setzt, aneinander entwickelt und immer wieder aufs Neue überprüft.

Mit diesem Faktor meinen wir Strukturen, die laufend Erfahrungen machen, aus begangen Fehlern lernen und Potentiale ausschöpfen.

Strukturen, die eine Analyse der gesellschaftlichen Situation treffen und daraus die richtigen Ansatzpunkte und die gebotenen Mittel ableiten, die also – mit einem strategischen Ziel im Sinn – notwendige, taktische Entscheidung anhand aktueller Gegebenheiten treffen. Ohne sich nur von unmittelbaren Notwendigkeiten treiben lassen, sondern selbstbestimmt handeln.

Erst durch Organisierung können wir es, alle gemeinsam, als antifaschistische Bewegung schaffen, all das umfassend umzusetzen und den antifaschistischen Kampf auf ein neues Level zu heben! Wir wissen: Damit erzählen wir den meisten hier nichts neues. Dennoch ist das oft ein Punkt, der unserer Meinung nach oft als sekundärer, temporärer oder von einzelnen Personen abhängiger Faktor verstanden wird. Wir wollen, dass dem Thema Organisierung wieder die Aufmerksamkeit zukommt, die sie als Grundbedingung progressiver Kämpfe verdient!

Wir sind alle Linx – Wir sind alle Antifa! Nur wenn wir zusammenstehen und gemeinsam entschlossen handeln, wird es uns gelingen den Rechtsruck und der Repression etwas entgegenzusetzen.

Daher lautet unsere Parole:

Die antifaschistische Aktion aufbauen!